
Von Schmelzfarben und Schwarzlot: Wie ein Glasbild den Abrissbagger überlebte


Von Simon Rothkegel
Es war ein klirrend kalter Dezembermorgen im Jahr 2021. Über Nacht hatte sich eine feine Schicht Pulverschnee auf die ehemalige Großhaderner Germanensiedlung gelegt. Mitten in der verschlafenen Anliegerstraße aber türmte sich eine Gebirgslandschaft aus Metallschrott, Altholz und Bauschutt, im Hintergrund die Ruine eines alten Haderner Siedlungshauses. Zwei Stunden hatte es am Vortag gebraucht, das einst imposante Gebäude in ein Schlachtfeld zu verwandeln — das Gegenteil von einem Ort, an dem man nach zerbrechlichen Kunstgegenständen sucht.
Gerettet, wenige Stunden vor dem Bagger
Es war der fortschreitende Sonnenstand, der den Blick auf etwas lenkte, das sich ihm bisher entzogen hatte: eine unbeschädigte Bleiverglasung, gut verborgen hinter den Überresten eines heruntergestürzten Dachteils. Im grellen Gegenlicht stach eine farbenfroh leuchtende Glaszeichnung hervor, die Umrisse eines Kirchturms waren schon von der Straße aus zu erkennen. Der Kamerazoom lieferte Gewissheit: Das Motiv zeigte eine detailgetreue Darstellung des Großhaderner Dorfkerns.
Ein ausgiebiger Ratsch mit den Bauarbeitern, und die Sache war geritzt — die Glasscheibe wurde aus dem Fenster ausgebrochen. Dank einer ausgefallenen Schulstunde, dem Geschick eines feinfühligen Abbrucharbeiters, der idealen Sonneneinstrahlung und einer gehörigen Portion Glück ließ sich ein bemerkenswertes Stück lokaler Kunst retten: wenige Stunden vor seiner sicheren Zerstörung.


Unikat oder Serie?
Nach dem Fund drängten sich Fragen auf. Wie entsteht so eine Glasmalerei überhaupt? Gefertigt wurde sie nach einem Verfahren, das schon im Hochmittelalter bei Kirchenfenstern angewandt wurde: Zuerst zeichnet man Umrisse und Konturen mit Schwarzlot auf die Trägerscheibe, einer Glasmalfarbe aus Eisen- und Kupferoxiden mit pulverisiertem Bleiglas als Schmelzmittel. Dann folgt eine Schicht Überzugsfarbe, Hell- und Dunkelbereiche werden ausradiert, auf der Rückseite kommen die bunten Flächen dazu. Nach jedem Arbeitsschritt muss das Bild in den Ofen: Bei über 600 Grad verbinden sich die Schmelzfarben untrennbar mit dem Glas.
Nebenbei: Trotz des Namens enthält ein Bleiglasfenster gar kein Blei im Glas — gemeint sind die verlöteten Bleiruten, die die einzelnen Scheiben verbinden. Und was die Glasmalerei von anderen Techniken unterscheidet, bringt eine SWR-Dokumentation auf den Punkt: Sie reflektiert nicht das Licht, sie macht das Licht zum Urheber des Bildes. Was ohne Ausleuchtung wie eine unscheinbare, schokoladenbraune Scheibe wirkt, erstrahlt im Gegenlicht in einer Farbbrillanz, die selbst ein Diapositiv übertrifft. Möglich macht das mundgeblasenes Echtantikglas: Zahllose eingeschlossene Luftbläschen brechen das Licht und geben dem Bild seine Farbtiefe.
Schwieriger war die Frage, woher das Hadern-Motiv stammt. Der frühere Bewohner des Hauses, von Nachbarn als Haderner mit Leib und Seele beschrieben, war zum Zeitpunkt der Entdeckung bereits verstorben. Auch sonst erinnerte sich niemand im Stadtteil, das Motiv je gesehen zu haben. Fast zwei Jahre ruhten die Nachforschungen. Dann, im Sommer 2023, fiel buchstäblich Licht durch die Scheiben: Bei Radfahrten und Hundespaziergängen entdeckte ich kurz hintereinander zwei deckungsgleiche Glasmalereien in Haderner Fenstern. Anfang 2024 tauchte in der Verkaufsanzeige eines weiteren Wohnhauses ein viertes Bild auf. Damit war klar: eine Serienanfertigung.
Erneut kam die Abrissbirne
Den Durchbruch brachte eine Laune der Geschichte, ihre ständige Wiederholung. Beinahe auf den Tag genau vier Jahre nach dem ersten Fund, an einem kalten Wintertag Anfang Dezember 2025, schwebte erneut über einem der drei verbliebenen Häuser mit Hadern-Glasbild die Abrissbirne. Diesmal kam die Malerei nie mit ihr in Berührung: Die neuen Eigentümer wussten um die lokale Bedeutung, bauten das komplette Fenster wenige Tage vor Abbruchbeginn in Eigenregie aus — zusammen mit zwei weiteren, die München- und Bayern-Motive zeigen — und stellten es dem Geschichtsverein zur Verfügung.

Bei näherer Betrachtung wartete eine Überraschung: Das Hadern-Bild war mit den anderen Exemplaren nicht identisch. Derselbe Entwurf lag zugrunde, doch Farbgebung und Abmessungen wichen ab. Und erstmals trug ein Bild eine Signatur: G.E., dazu der stilisierte Schriftzug „im Heiglhof“.
Die Spur führt zur Glaserei Waldinger
Die früheren Eigentümer konnten sich als einzige aller Glasbildbesitzer noch erinnern, wer ihre Fenster vor über 40 Jahren eingebaut hatte: die Glaserei Waldinger, jahrzehntelang in Großhadern ansässig, zuletzt in der Sauerbruchstraße 27. Im Nachfolgebetrieb in Gräfelfing wusste der Inhaber sofort Bescheid, als das Stichwort Großhadern-Glasmalerei fiel. „Die Zeichnung ist bestimmt oval? Die wurde anlässlich der 900-Jahrfeier Haderns 1966 hergestellt, in Anlehnung an ein altes Ölgemälde aus der Festschrift.“
In einer Zeit, in der Bleiverglasungen als topmodern galten und Handwerkskunst einen höheren Stellenwert genoss, gönnten sich manche Kunden Sonderausführungen mit integriertem Bild. Was bot sich besser an als ein Motiv mit lokalem Bezug? Wie viele Dorfkerndarstellungen in Haderner Fenstern verbaut wurden, steht in den Sternen. Beliebt genug waren sie jedenfalls, dass laut Herrn Waldinger später eine Nachproduktion in Auftrag gegeben werden musste. Der jüngste Fund ist genau dieser Nachdruck, entstanden in Zusammenarbeit mit der Glaserei Gerstner & Eberle in Dachau — das Geheimnis um die Initialen G.E. war damit gelüftet.
Die erste Variante kam ab 1966 bis in die 1970er Jahre in Umlauf. Das zweite Bild lässt sich über die Bauart der Fenster recht genau datieren: Es saß bereits in einer modernen Zweischeiben-Isolierverglasung, das ältere noch in einem einfachen Holz-Verbundfenster, dessen Einbau mit der Wärmeschutzverordnung ab 1978 verboten wurde. Hinzu kommt, dass der Großhaderner Dorfkern 1984 neu angelegt und bepflanzt wurde — beide Varianten zeigen aber noch die Heiglhofstraße davor. Macht einen Zeitraum zwischen 1981 und 1985.
Eine Frage bleibt offen
Wer die Zeichenvorlage angefertigt hat, liegt bis heute im Dunkeln. Ob sich das noch klären lässt, ist fraglich, die 900-Jahrfeier liegt inzwischen 60 Jahre zurück. Ein Ansatz immerhin: Die Galerie Dörfel war in der Heiglhofstraße 8 ansässig und verwendete für ihre Werbeanzeige in der Einweihungsbroschüre des Dorfkerns genau dieses Motiv. Über die Galerie selbst ließ sich bislang nichts Konkretes in Erfahrung bringen.
Heute ist Glasmalerei, wie viele spezialisierte Handwerksberufe, kaum noch anzutreffen — oft als altmodisch empfunden. Dabei war ihre Geschichte stets ein Auf und Ab: Die ältesten hierzulande erhaltenen Buntglasfenster, die Prophetenfenster im Augsburger Dom, stammen aus der Gotik und sind fast tausend Jahre alt. Was die Reformation einleitete, setzte der Barock fort, die lichtdurchflutete Kirchenarchitektur ließ für farbige Glasmalerei wenig Raum. Erst König Ludwig I. förderte sie wieder. Auch in Hadern hinterließ sie ihre Spuren: Max Lacher, bekannter Haderner Künstler, war passionierter Glasmaler und fertigte unter anderem Fenster in der alten Dorfkirche an. Vielleicht erleben wir ja in den kommenden Jahren einen erneuten Aufschwung dieser altbewährten Kunstform.
Dieser Beitrag erschien zuerst in den Haderun Nachrichten 1/2026, der Mitgliederzeitschrift des Geschichtsvereins Hadern.


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