
Frisch, fromm, fröhlich, frei und hundert Jahre jung: Happy birthday, TSV!


Von Reinhard Weber
Am 12. September 1926, einem Sonntag, füllte sich das Großhaderner Gasthaus Thalmair bis auf den letzten Platz. Der Bürgermeister war gekommen, der gesamte Gemeinderat, sämtliche Dorflehrer. Wer noch zögerte, den sollte eine Vorführung überzeugen: Turner der Münchner Turnerschaft zeigten, was an Barren und Pferd möglich war. Noch am selben Abend gründeten 124 Haderner und Hadernerinnen ihren Turnverein. Bis Dezember waren es 174 Mitglieder — fast ein Sechstel des Dorfes.
Dabei hatte es Monate gedauert, bis es so weit kam. Polykarp Burghart kam aus Starnberg, und er war nicht ins Dorf gezogen, um sich zu integrieren. Er war gekommen, um zu überzeugen: ein Turner, dem Leibeserziehung keine Freizeitbeschäftigung war, sondern eine Haltung zum Leben, geprägt vom Geist des Turnvaters Jahn. Die Haderner ließen sich davon anfangs wenig beeindrucken. Burghart brauchte, wie er selbst festhielt, „viel Überredungsgabe“, bis sich die ersten Mitstreiter fanden. Am 26. Juni 1926 saß er mit sieben Männern beim Stürzerwirt in Kleinhadern zusammen — da fiel die Entscheidung. Dann kam der September-Abend im Thalmair, und die Skepsis verflog.
Turnen im Wirtshaus
Vorsitzender wurde Markus Rampf, Malermeister, ein Mann mit Überzeugungskraft und gelegentlich zu scharfer Feder. Erster Turnwart: Burghart selbst. Der Verein nannte sich offiziell Turnverein Großhadern von 1926 D.T. — das Kürzel stand für die Deutsche Turnerschaft, einen konservativen Verband, dem Ballsportarten wie der englische Fußball grundsätzlich verdächtig waren. Das Turnerkreuz diente als erstes Vereinswappen: Seine vier F stehen für Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei.


Geturnt wurde, wo Platz war: in den Hinterzimmern der Gasthäuser, erst im Thalmair, ab 1930 beim Stürzer in Kleinhadern. Geräte aufstellen, turnen, Geräte wegräumen. Burghart duldete keine Nachlässigkeit: Wer eine Übung abgeschlossen hatte, stellte die Hacken zusammen und legte die Hände an die Hosennaht. Die Männer hatten danach immerhin keinen weiten Weg zum Tresen — das Protokoll vermerkt beiläufig, dass nach der Übungsstunde „gleich ein Bier getrunken“ werden konnte.
1928 gründete Schützenmeister Singer die erste Erweiterung des Vereins neben dem Turnen: die Kleinkaliberschützenabteilung. Das Dorf hatte jetzt neben Kirche und Wirtschaft einen dritten Treffpunkt. Fußball blieb vorerst draußen — Burghart war, so die Chronik trocken, „im Grunde kein Freund des Ballsportes“. Die Fußballer kamen erst 1934, als sich der FC Hadern dem TSV nach langen Verhandlungen als neue Abteilung anschloss.

Der Streit um die Röcke
Zum Dorfleben gehörte auch Pfarrer Michael Batzer, der im Gründungsjahr des Vereins die neue St.-Canisius-Kirche nebenan erbaut hatte. Mit dem jungen Turnverein geriet er bald aneinander. Als die bayerischen Bischöfe 1926 das öffentliche Schauturnen von Frauen in einem Hirtenbrief verurteilten, verlas Batzer ihn vor seiner Kirchengemeinde. Dem Turnrat ließ er wissen, die Damenriege dürfe keinesfalls öffentlich auftreten, sonst werde er „dem Verein fernestehen“.
Vereinsvorsitzender Rampf widersprach heftig — zu heftig. Dem Pfarrer warf er dabei „heimtückische und hinterlistige“ Methoden vor. Der zog vor Gericht, und im Oktober 1927 endete der Rechtsstreit mit einem Vergleich: Rampf musste die Vorwürfe widerrufen, die Anwaltskosten zahlen und seine Entschuldigung vor der Mitgliederversammlung vorlesen. In Sachen Damenturnen hatte er sich dagegen klar durchgesetzt. Am 25. Juni 1927 organisierte er eine öffentliche Veranstaltung mit Wettkampfübungen der Damenriege; vereinsfremde Herren hatten keinen Zutritt. Insbesondere die Damen der Dorfgemeinschaft sollten selbst urteilen, ob das Damenturnen ein „öffentliches Ärgernis“ sei. Ihr Urteil: nein.

Es sollte nicht die letzte Auseinandersetzung gewesen sein. Sechs Jahre später, als der Turnverein den Pfarrer um die Weihe der neuen Vereinsfahne bat, zögerte dieser. Rampf ließ sich in feuchtfröhlicher Runde im Wirtshaus zu der Bemerkung hinreißen, der Pfarrer würde die Fahne schon weihen, wenn er die Turnerinnen „benützen“ könnte. Wieder zog Batzer vor Gericht, und abermals gewann er. Schriftlich erklärte Rampf, die Äußerung wäre ihm „in nüchternem Zustande niemals“ unterkommen. Der Pfarrer war's zufrieden. Bei allen Konflikten entwickelte sich das Verhältnis mit den Jahren zum Freundlichen hin: Beim Maibaumfest 1934 ließ derselbe Pfarrer versöhnliche Verse auf den Verein vortragen.
Die eigene Halle als Krönung
Was dem Verein fehlte, war ein eigenes Haus. 1931 half Schützenmeister Häuslmeier mit einem Stück Grundstück aus; am 11. Juli öffnete ein erstes Provisorium, festlich beleuchtet und mit Kapellmusik eingeweiht. Aber der Verein wuchs schnell, der Raum war bald zu klein. Mitten in der Weltwirtschaftskrise, 1932, entschloss sich Polykarp Burghart, inzwischen zum Vorsitzenden gewählt, zum Bau einer richtigen Turnhalle. Kapital war kaum vorhanden.
Die Gemeinde überließ dem Verein ein Grundstück an der Heiglhofstraße gegen geringe Pacht. Die Bezirkssparkasse gab 1.500 Mark, der Sterbekassenverein half, die Pschorrbrauerei steuerte 2.000 Goldmark bei — gebunden an eine Bierbezugsverpflichtung für den Verein. Ökonomierat Max Weinberger lieferte 200 Kubikmeter Sand und Kies unentgeltlich, Handwerker spendeten ihr Fachwissen, Rampf strich die Wände. Am Dienstag, dem regulären Turnabend, wurde nicht mehr geturnt, sondern gebaut. Am 16. Oktober 1932 übergab Burghart das fertige Gebäude. Über der Vereinsfahne thronte, der Überlieferung nach, eine Gipsbüste des Turnvaters Jahn.


Dunkle Schatten bei der Weihe
Zur Einweihungsfeier der Halle 1933 kamen über 300 Turner und Schützen, das ganze Dorf war geladen. Sieben Jahre nach der Gründung hatte der Verein seinen Platz in der Gemeinschaft gefunden. Doch auf der Feier lagen die Schatten der kommenden Zeit. Der Festredner im Weißbräusaal, Georg Dirschl, der neue Bürgermeister, sprach in SA-Uniform über den „Geist der jungdeutschen Freiheitsbewegung“ und forderte ein „nationales Turnbekenntnis“. Der alte Bürgermeister Josef Neumayr, seit 1919 im Amt und dem Verein eng verbunden, war abgesetzt, der Gemeinderat aufgelöst. Auch in Großhadern hatten die Nationalsozialisten die Macht übernommen. Auch der TSV sollte sich dem Strudel von Diktatur und Krieg nicht entziehen können. Aber das ist eine andere, lange Geschichte.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in den Haderun Nachrichten 1/2026, der Mitgliederzeitschrift des Geschichtsvereins Hadern.


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