
Der Kirchenbau vor 100 Jahren: Wie Petrus Canisius nach Hadern kam


Von Jürgen Missling und Reinhard Weber
Wir schreiben das Ende des Inflationsjahres 1923, als das Gemeindemitglied Charlotte Beyer der Pfarrei Großhadern etwa ein Tagwerk Grund schenkt — ausdrücklich „für den Neubau einer Kirche … in geradezu idealer Lage, direkt gegenüber dem … neuen Schulhause“. Damit ist der ursprüngliche Plan hinfällig, die alte Dorfkirche St. Peter lediglich zu erweitern.
Längst überfällig war dieser Schritt. Schon 1916 hatte sich ein Kirchenbauverein gegründet, noch in der stillen Hoffnung, ein Anbau möge reichen. Aber die Pfarrgemeinde wuchs rascher als jede Planung: von rund 460 Katholiken im Jahr 1916 auf über 1.200 im Jahr 1925. Das alte Kirchlein fasste das längst nicht mehr.


Ein Plan mit kühner Zuversicht
Am 16. September 1924 fasste die Kirchenverwaltung den Beschluss, den Neubau „baldigst in Angriff zu nehmen“. Den Entwurf lieferte Professor Franz Rank aus München, der sich als Kirchenarchitekt einen Namen gemacht hatte: ein monumentaler dreischiffiger Basilikalbau, der Neubarock mit Jugendstildetails verbindet. Die Kirche sollte von Anfang an etwas darstellen — kein Provisorium, sondern ein Bekenntnis. Die Bauleitung vor Ort übernahm Franz Boettge, der bereits zahlreiche Häuser in der Haderner Villenkolonie errichtet hatte.
Im April 1925 stand der Kostenvoranschlag für den Rohbau: 180.000 Reichsmark. Am Ende wurden daraus rund 268.000, dazu 97.000 für Innenausbau und Inventar. Wie sollte das bezahlt werden, zwei Jahre nach der Hyperinflation? Die rettende Idee war der Beitritt zur Gesamtkirchengemeinde München. Der Antrag von 1925 enthält einen bemerkenswerten Satz: dass „in absehbarer Zeit auch die politische Gemeinde Großhadern wohl dem Stadtverband München einverleibt werden wird“. Was erst 1938 Realität wurde, ahnte der Verfasser dreizehn Jahre zuvor — und die Pfarrei profitierte davon: Die Münchner übernahmen einen erheblichen Beitrag zu den Baukosten.
Von Kardinal zu Kanzler
Trotzdem: Das erste Benefizkonzert zugunsten der neuen Kirche brachte ganze 400 Reichsmark Reinerlös. Johann Trill, Kirchenpfleger und Verfasser der Haderner Kirchenchronik, verglich Pfarrer Michael Batzer mit dem spartanischen Feldherrn Leonidas: Er stellte sich „mit nur dreitausend winzigen Märklein einem geradezu unüberwindlich scheinenden Widerstand entgegen“ — und siegte.
An ein Talent ihres Hochwürdigen Herrn, nämlich „die Kunst des Geldherbringens“, hatten seine Pfarrkinder einen festen Glauben. Zu Recht. Batzer verschickte Hunderte von Bettelbriefen, wandte sich an den bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Held und reiste in Österreich „von Kardinal zu Kanzler“. Bei Bundeskanzler Ignaz Seipel, selbst Theologe und also ein Mann mit Verständnis, erkämpfte er sich eine Audienz: Im Gedenken an das langjährige Wirken von Petrus Canisius in Wien verdiene dieser Bau auch österreichische Unterstützung. Ob er damit Geld heimbrachte, verzeichnet die Chronik nicht.

Das Dorf zahlt mit
Batzer stand nicht allein. Die Haderner Bürgerschaft trug den Bau auf eine Weise, die heute kaum vorstellbar wäre. Charlotte Beyer hatte das Grundstück im Wert von 4.000 Reichsmark gestiftet. Die drei Brüder Matthias, Anton und Johann Stürzer vom Spitzweghof in Kleinhadern finanzierten gemeinsam den monumentalen Hochaltar. Ökonomierat Max Weinberger, ehemaliger Bürgermeister, schenkte der Gemeinde einen Wald — der Erlös aus dem Verkauf des Gehölzes finanzierte die Kanzel mit rund 15.000 Reichsmark. Landesökonomierat Holzapfel aus Kleinhadern stiftete 2.000 für den St.-Michaels-Seitenaltar. Pfarrkinder gaben Spenden für Messgewänder, Heiligenbilder, Weihwasserbecken.
Auch Haderner Künstler brachten sich ein, mit Werken, die bis heute in der Kirche zu sehen sind: Die Brüder Lothar und Elmar Dietz schufen für den Hochaltar zwei lebensgroße Holzstatuen, den Heiligen Bonifatius und den Heiligen Korbinian, und schenkten sie der Kirche. Der Glasmaler August Schmidt fertigte das runde Fenster über dem Hochaltarbild, der Lehrer Karl Leibig malte den Bildschmuck auf der Kanzel, der Kupferschmied Christian Henn stiftete das große kupferne Weihwasserfass. Und die Rechnungsbücher der Pfarrei führen etliche Haderner Handwerksbetriebe auf, darunter den Schreiner Franz Steidele, den Schmied Xaver Lederer und Malermeister Markus Rampf — der bald darauf zum ersten Vorsitzenden des TSV Großhadern gewählt wurde.
Ein Gstanzl bringt die Glocken
Für das Geläut griff Batzer zu einer anderen Methode. Am 4. Juli 1926 feierte die Siedlungsgesellschaft Großhadern ihr Sommerfest in den Räumen des Alten Wirts von Michael Filser. Batzer trug ein listig verfasstes Mundartgedicht vor: Die neue Kirche sei eine Braut, die am 29. August Hochzeit feiere — und wer zu einer Hochzeit eingeladen sei, bringe doch ein Geschenk mit. Eine Glocke vielleicht? „Dös war aa wos für'n Filserwirt.“
Das Kalkül ging auf. Die Gastwirtsfamilie Michael und Anna Filser stiftete prompt drei Stahlglocken im Wert von 6.800 Reichsmark. Als die Filsers Batzer später baten, den hohen Betrag doch etwas zu senken, stieß das auf taube Ohren. Die Glocken wurden am 22. August 1926 geweiht. Zwei von ihnen tragen bis heute mit Anna und Michael die Namen des großzügigen Wirtsehepaars.

Der Pfarrer lief treppauf, treppab
Am 2. Juni 1925, Pfingstdienstag, erfolgte der erste Spatenstich, still und ohne große Zeremonie. Die feierliche Grundsteinlegung dagegen fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. In den Grundstein wurde eine Kupferkassette eingemauert: Urkunden, Münzen und Inflationsgeld.

Der Bau ging rasend schnell voran. Schon am 3. November 1925 wurde Richtfest gefeiert. Batzer trieb alles mit ungebremster Energie — trotz eines Oberschenkelhalsbruchs aus dem Ersten Weltkrieg, der ihm zeitlebens ein schmerzhaftes Fußleiden hinterließ. Er sei „treppauf und ab … vom Keller bis zur höchsten Turmspitze“ gestiegen, heißt es in der Chronik. Ende 1925 war auch er am Ende seiner Kräfte und musste sich in die Nymphenburger Klinik zurückziehen. Wer ihn dort besuchte, fand ihn beim Dichten: Er schrieb ein langes satirisches Epos über seinen ebenfalls operierten Leidensgenossen Schmidbauer, den Vorstand des Kirchenbauvereins. Batzer nannte es die „Kropfiade“.
Streit um den Namen
Während der Rohbau stand und die Innenarbeiten liefen, drohte eine unerwartete Gefahr, diesmal keine finanzielle. Kurz vor Beginn der Bauarbeiten, am 21. Mai 1925, war der Jesuit und Kirchenlehrer Petrus Canisius heiliggesprochen worden. Ein deutscher Heiliger — was für ein Lichtblick in diesen Leidenszeiten der Nation. Pfarrer Batzer wollte seinen Neubau unbedingt als „erste Canisius-Kirche Deutschlands“ ausrufen und hatte sich dafür das Patronat von Kardinal Faulhaber gesichert.
Doch der Plan drohte zu scheitern: Im April 1926 weihte die Pfarrei Essen-Rellinghausen eine Notkirche als „erste Canisius-Kirche Deutschlands“. Batzer legte „sanften aber entschiedenen Protest“ ein. Die Notkirche müsse der Haderner „Monumentalkirche“ den Vorrang überlassen. Der Protest überzeugte, die Essener gaben nach.

Böllerschüsse und ein Prinz in Uniform
Kardinal Michael von Faulhaber weihte die neue Kirche St. Canisius am 29. August 1926 feierlich ein. Die Kirche war gedrängt voll, ein Festzug zog durch Großhadern, Böllerschüsse begleiteten die Zeremonie. Schulrat Hans Jung, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenbauvereins und zugleich Chorleiter, leitete die Aufführung der Messe „Stella maris“. Unter den Ehrengästen verzeichnet die Pfarrchronik „Prinz Alfons in Uniform, und Oberbürgermeister Scharnagl von München“.

Zehn Jahre nach der Einweihung notiert die Pfarrchronik: „Eine große stille Freude haben wir alle … Unsere Kirche ist jetzt schuldenfrei.“ Die Erzdiözese hatte die letzten 30.000 Mark übernommen. „Deo gratias“ — Dank sei Gott. In der Gemeinde herrschte Einigkeit darüber, wem das alles zu verdanken war: „Hätten wir unsern lieben tatkräftigen Herrn Pfarrer Batzer nicht gehabt …“ Der Nachruf der Studentenverbindung Rhaetia, der Michael Batzer ein Leben lang verbunden war, fasste es knapper: „Unverdrossen ging er an seine eigentliche Lebensaufgabe, den Großhadernern eine Kirche zu bauen. Sie bleibt das schönste Denkmal, das er sich selbst gesetzt hat.“ Dass der linke Seitenaltar dem Erzengel Michael geweiht ist, war sicher kein Zufall.
Dieser Beitrag erschien zuerst in den Haderun Nachrichten 1/2026, der Mitgliederzeitschrift des Geschichtsvereins Hadern.


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